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Das Recht auf ein Zuhause

13.11.2018

Bezahlbarer Wohnraum steht für den katholischen Sozialverband ganz oben auf der Agenda. Ein Interview mit Bernd Weber, Geschäftsführer des Katholischen Siedlungswerkes München.

Bernd Weber, Geschäftsführer des Katholischen Siedlungswerkes München

Wie würden Sie den „Markenkern‟ des Katholischen Siedlungswerkes beschreiben?

Unser grundlegender Unternehmenszweck ist die Schaffung, Erhaltung und Verwaltung vonnachhaltigem Wohn- und Lebensraum für breite Bevölkerungsschichten, insbesondere
Familien. Wir sind hauptsächlich im Großraum München aktiv: Während in den ländlichen Regionen größtenteils noch Wohnraum zu vernünftigen Preisen vorhanden ist, sieht es in
den Groß- und Universitätsstädten ganz anders aus – das Ballungsgebiet München ist ein Brennpunkt, in dem wir uns engagieren. Oberstes Handlungsprinzip ist für uns die
Zufriedenheit unserer Mieter und Wohnungseigentümer. Das KSWM legt Wert auf eine aktive Quartiersarbeit mit Schaffung lebenswerter Wohnanlagen, einer guten sozialen Durchmischung und Altersstruktur der Bewohner.

Was leistet das Katholische Siedlungswerk, um vor allem auf den angespannten Wohnungsmärkten in den Großstädten bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?

Das KSWM bietet langfristig sicheren Wohnraum, einen verlässlichen Service für unsere
Mieter und faire Preise – hier beispielsweise durch das kirchliche Mietmodell, bei dem
einkommensschwache Mieter einen gestaffelten Mieterlass erhalten. Hinzu kommt, dass wir
selbstverständlich auch die marktmöglichen Mietzinsen nicht vollumfängliche Ausschöpfen.
Natürlich müssen auch wir in die Zukunft denken: Nur mit Kompetenz und
Wettbewerbsfähigkeit können langfristig die wirtschaftlichen Voraussetzungen erarbeitet
werden, um auch in dreißig Jahren noch für die Region da sein zu können. Doch wir
betrachten Wohnungen nicht als Renditeobjekt, das Siedlungswerk ist kein „Asset‟, das
Gewinn abwerfen soll – Wohnungen sind ein Sozialgut, keine Spekulationsmasse.
 Unsere Projekte sollen für bezahlbaren Wohnraum in der Region sorgen. So errichten wir
beispielsweise in Markt Schwaben zurzeit 32 neue Mietwohnungen im EOF-Modell,
die vor allem älteren Personen, Menschen mit Behinderung oder sozial schwächeren
Haushalten zur Verfügung stehen werden. 
Des Weiteren haben wir 55 Wohnungen in München und 100 Wohnungen
in München–Pasing mit Einkommensorientierter Förderung im Bau.

Was müsste politisch aus Ihrer Sicht geschehen, damit auch kinderreiche Familien und Geringverdiener menschenwürdig und bezahlbar wohnen könnten?

Die Antwort ist einfach und gleichzeitig schwer: Es muss vor allem mehr gebaut werden, und
zwar im bezahlbaren Segment. Hierzu bedarf es Bauland, das nicht zu Höchstpreisen
vergeben wird, wie es derzeit noch von einigen Kommunen getan wird. Die bevorzugte
Vergabe bundeseigener Grundstücke zu günstigen Preisen an sozial orientierte
Wohnungsunternehmen, die sich im Gegenzug langfristig an günstige Mieten binden und
bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen, ist beispielsweise ein Weg. Wichtig ist die
Förderung sozial engagierter Bauprojekte, Vorhaben, die wirklich dauerhaft für bezahlbare
Wohnungen in den angespannten Gebieten sorgen; die langfristige Sozialbindung
geförderter Mietwohnungen oder Projektausschreibungen, die einen namhaften Prozentsatz
preislich gebundener Wohnungen sowie eine ganzheitliche Quartiersentwicklung mit
Sozialkonzept vorsehen. Derzeit fehlt es allerdings nicht nur an bezahlbarem Bauland,
auch in der Baubranche sind die Kapazitäten ausgereizt, Handwerker kaum noch zu kriegen.
Wir versuchen unser Möglichstes, doch in den vergangenen Jahren sind in der Branche
Kapazitäten eher abgebaut worden, und auch politisch dachte man lange, Deutschland sei gebaut.

Warum ist das Thema Wohnen aus Ihrer Sicht ein katholisches Kernthema?

Hier darf ich zunächst einmal direkt an die höchste katholische Stelle auf Erden verweisen –
Papst Franziskus betont in seiner Enzyklika „Laudato si’‟ die Bedeutung der Wohnung für
die persönliche Würde des Menschen, die Entfaltung der Familie. Für ihn handelt es sich
beim Wohnen um eine zentrale Frage der Humanökologie, der auch in der Enzyklika eine
hervorgehobene Stellung zukommt: Wie gehe ich als Christ mit meiner Umwelt um, meinem
Umfeld, meinem Quartier? Franziskus stellt die Verbindung her zwischen Städtebau und
Gerechtigkeit, Lebens- und Wohnqualität, dem Kontakt zur Natur und dem Umgang mit den
Menschen in meiner Umgebung. Doch als katholisches Kernthema hat Wohnen eine noch längere Tradition,
denken Sie etwa an den zurzeit wieder viel zitierten Ausspruch Kardinal Döpfners, „Wohnbau ist Dombau‟,
der für die Katholischen Wohnungsunternehmen bereits seit Jahrzehnten Leitmotto ist.
Vor dem Hintergrund der katholischen Soziallehre nimmt das Thema Wohnen,
insbesondere die Förderung von Wohneigentum für Familien, breiten Raum ein.
Sie können auch noch weiter zurückgehen: Im Schöpfungsbericht hören wir,
wie Gott einen Garten anlegt, also eine sichere, lebenswerte Umgebung schafft, keine Wildnis.
Im Neuen Testament ist von der Aufnahme desjenigen die Rede, der „arm und obdachlos‟ ist
– nach modernem Verständnis ergibt sich daraus ganz explizit die Pflicht, für Wohnraum zu sorgen.

Viele Menschen zieht es heute vom Land in die Städte.
Das lässt in den Großstädten die Mieten explodieren und entvölkert ländliche Regionen.
Wie könnte man gegensteuern?

Das Schlagwort gleichwertiger Lebensverhältnisse in Stadt und Land ist von der Politik zum
Glück mittlerweile aufgegriffen worden, denn hierin liegt tatsächlich der Schlüssel: Die
Menschen ziehen in die Städte, weil hier die Arbeitsplätze sind, die Universitäten, die guten
Schulen und Kitas, die Infrastruktur. Gleichzeitig fehlt es auf dem Land nicht nur an der schnellen Internetversorgung.
Hier muss mehr getan werden, denn die ländlichen Regionen dürfen nicht abgehängt werden.
Genauso, wie es eine ganzheitliche Stadtentwicklung braucht, um neue Wohngebiete nicht in
die Peripherie zu verlagern, braucht es auch ein Starkmachen der Dorfzentren, der kleinen Städte
– eines Austausches zwischen Stadt und Land; der Blick muss sich auf die gesamte Region richten, die Stärken aller hervorheben.

Zur Person:
Der 1968 in Amberg geborene Geschäftsführer des Katholischen Siedlungswerkes München, Bernd Weber, ist Industriekaufmann und Betriebswirt. Der zweifache Familienvater kann auf eine über 30-jährige Berufserfahrung  als leitender kaufmännischer Angestellter und Geschäftsführer in unterschiedlichen Bauunternehmen zurückschauen. Seit 2006 führt er die Geschäfte des Katholischen Siedlungswerkes München.